Responsibility to protect

UN Pho­to / Pau­lo Fil­guei­ras

Instrument der Re-Legitimisierung des Krieges oder Vehikel der Kriegsächtung?

UN Pho­to / Albert Gon­zá­lez Farr­an

Ein gemein­sa­mes For­schungs­pro­jekt der Pro­fes­sur für Theo­rie und Empi­rie der Inter­na­tio­na­len Bezie­hun­gen und des Insti­tuts für Theo­lo­gie und Frie­den.

Nach der kon­tro­ver­sen Debat­te über „huma­ni­tä­re Inter­ven­tio­nen“ in den 1990er Jah­ren hat die Respon­si­bi­li­ty to Pro­tect (R2P) in erstaun­lich kur­zer Zeit eine grund­sätz­li­che Akzep­tanz in der VN-Gemeinschaft gefun­den. Nur vier Jah­re nach der Vor­stel­lung des Kon­zepts einer Schutz­ver­ant­wor­tung durch die Inter­na­tio­nal Com­mis­si­on on Inter­ven­ti­on and Sta­te Sover­eign­ty (ICISS) im Jahr 2001 wur­de es im Okto­ber 2005 in die Abschluss­erklä­rung des Welt­gip­fels zur VN-Reform auf­ge­nom­men. Auf der Grund­la­ge die­ses Kon­zepts sol­len die Ach­tung der Men­schen­rech­te im Kon­text mas­si­ver Gewalt­kon­flik­te gestärkt und deren Gel­tung auch im Span­nungs­feld mit ande­ren Grund­bau­stei­nen des Völ­ker­rechts wie dem Inter­ven­ti­ons­ver­bot und der Sou­ve­rä­ni­tät der Staa­ten aktiv ein­ge­for­dert oder sogar mili­tä­risch geschützt wer­den. Zwi­schen der bis­he­ri­gen Völ­ker­rechts­ord­nung und R2P offen­bart sich damit ein nor­ma­ti­ver Kon­flikt, denn auch Sou­ve­rä­ni­tät und Inter­ven­ti­ons­ver­bot stel­len wesent­li­che Ele­men­te des Kriegs­ver­hin­de­rungs­rechts dar und die­nen inso­fern dem Men­schen­rechts­schutz. Die Krieg­säch­tung dient dem Schutz der Men­schen­rech­te; gleich­zei­tig kön­nen Bestand­tei­le der Krieg­säch­tung wie das Gebot der Nicht­ein­mi­schung in inne­re Ange­le­gen­hei­ten und das Inter­ven­ti­ons­ver­bot eben die­sen Men­schen­rechts­schutz beschrän­ken.

An die­sem nor­ma­tiv und pra­xeo­lo­gisch kom­ple­xen Span­nungs­ver­hält­nis setzt auch die kri­ti­sche Aus­ein­an­der­set­zung mit dem R2P-Konzept in der wis­sen­schaft­li­chen Lite­ra­tur an. Dabei sind vier Kri­tik­punk­te von beson­de­rer Bedeu­tung:

  1. Die Schutz­ver­ant­wor­tung sug­ge­rie­re, dass Gewalt für eine gute Sache erlaubt sei, und unter­gra­be damit das Gewalt­ver­bot;
  2. Mili­tä­ri­sche Instru­men­te zögen im Ergeb­nis mehr Scha­den als Nut­zen nach sich;
  3. R2P kön­ne miss­braucht wer­den, um uni­la­te­ra­le oder prä­ven­ti­ve Mili­tär­schlä­ge zu recht­fer­ti­gen;
  4. Schließ­lich kön­ne R2P zu einem huma­ni­tär ver­bräm­ten Inter­ven­tio­nis­mus zur Ver­brei­tung west­li­cher Ord­nungs­vor­stel­lun­gen füh­ren.

Bis­her fehlt es an theo­re­tisch infor­mier­ten empi­ri­schen Stu­di­en, die sich mit den genann­ten Ein­wän­den tief­ge­hend aus­ein­an­der­set­zen und mög­li­che nega­ti­ve, nicht-intendierte Fol­gen des Kon­zepts der R2P unter­su­chen. Hier setzt das inter­dis­zi­pli­nä­re For­schungs­pro­jekt an. Im Vor­der­grund ste­hen dabei Aus­wir­kun­gen, die die R2P auf das Pro­gramm der struk­tu­rel­len Über­win­dung des Krie­ges haben könn­te. Die über­ge­ord­ne­te Fra­ge­stel­lung die­ses For­schungs­pro­jekts lau­tet: Trägt R2P als nor­ma­ti­ves Kon­zept und poli­ti­sches Instru­ment zur Krieg­säch­tung bei?

Das Gesamt­pro­jekt ver­steht sich als inter­dis­zi­pli­när zwi­schen der Frie­dens­ethik und der Poli­ti­schen Wis­sen­schaft und bezieht die Ent­wick­lung des Völ­ker­rechts mit ein. Das gemein­sa­me Erkennt­nis­in­ter­es­se in Bezug auf die Bedeu­tung der R2P für das Krieg­säch­tungs­pro­gramm lie­fert hier­bei den über­grei­fen­den Rah­men. Erst die Zusam­men­schau der unter­schied­li­chen Per­spek­ti­ven und Her­an­ge­hens­wei­sen der Fach­dis­zi­pli­nen ermög­licht eine umfas­sen­de, inhalt­lich tie­fe Beant­wor­tung der über­ge­ord­ne­ten Fra­ge­stel­lung.

„Der Schutz grundlegender Menschenrechte durch die Wahrnehmung gestufter Verantwortungen – Verknüpfung der R2P mit der Zuschreibung extraterritorialer Schutzpflichten“

UN Pho­to / John Isaac

Im Fokus des von Prof. Micha­el Staack an der Helmut-Schmidt-Universität/ Uni­ver­si­tät der Bun­des­wehr Ham­burg betreu­ten Pro­mo­ti­ons­pro­jekts steht die Beschäf­ti­gung mit dem Begriff der ‚Schutz­ver­ant­wor­tung‘ und den Mög­lich­kei­ten zu des­sen Ope­ra­tio­na­li­sie­rung. Dabei wird zunächst die Idee des Schut­zes grund­le­gen­der Men­schen­rech­te durch die Wahr­neh­mung gestuf­ter Ver­ant­wor­tun­gen völ­ker­recht­lich aus den Debat­ten über die Exis­tenz extra­ter­ri­to­ria­ler Staa­ten­pflich­ten her­ge­lei­tet und aus den Ursprungs­do­ku­men­ten der ‚Respon­si­bi­li­ty to Pro­tect‘, also dem ICISS-Report von 2001 und dem World Sum­mit Out­co­me Docu­ment von 2005, rekon­stru­iert. In einem zwei­ten Schritt wer­den der Schutz vor Mas­sen­bre­chen im Kon­zept der R2P und die Zuschrei­bung extra­ter­ri­to­ria­ler Schutz­pflich­ten, vor allem auch bezüg­lich basa­ler wirt­schaft­li­cher und sozia­ler Men­schen­rech­te, als geeig­ne­te Kon­zep­te zur Ope­ra­tio­na­li­sie­rung der Schutz­ver­ant­wor­tungs­idee aus­ge­wie­sen. Bei­de Kon­zep­te basie­ren auf Model­len gestuf­ter Ver­ant­wor­tun­gen, bei denen die vor­ran­gi­ge staat­li­che Schutz­pflicht durch die kom­ple­men­tä­re Hilfs­ver­ant­wor­tung und die sub­si­diä­re Auf­fang­ver­ant­wor­tung min­des­tens eines exter­nen Akteurs ergänzt wird. Indes unter­schei­den sich die­se Model­le in der Akteurs­kon­stel­la­ti­on sowie dem Inhalt und der Begrün­dung der inter­na­tio­na­len Schutz­ver­ant­wor­tung. Im Haupt­teil der Pro­mo­ti­ons­ar­beit erfolgt eine Unter­su­chung mög­li­cher Stra­te­gi­en zur Umset­zung der Schutz­ver­ant­wor­tungs­idee, dar­un­ter vor allem die Anwen­dung mili­tä­ri­scher Gewalt und die Wahr­neh­mung extra­ter­ri­to­ria­ler Schutz­pflich­ten von Mit­glieds­staa­ten Inter­na­tio­na­ler Orga­ni­sa­tio­nen und Hei­mat­staa­ten trans­na­tio­na­ler Unter­neh­men.


Projektbearbeiter

Dani­el Peters, M.A.


Projektleiter

Prof. Dr. Micha­el Staack