Arbeitsbericht: August 2015 bis Juli 2016

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Ein Jahr wie kein anderes

Sel­ten haben frie­dens­ethi­sche The­men die Schlag­zei­len so domi­niert wie in den letz­ten Mona­ten. In der Ukrai­ne haben wir die Wie­der­kehr des Krie­ges nach Euro­pa erlebt mit neu­en hybri­den For­men und kru­der Anne­xi­ons­po­li­tik. In Syri­en und im Irak ist kein Ende von Krieg und Gewalt­hand­lun­gen abzu­se­hen. Die
Men­schen in Alep­po wie in Mos­sul wer­den zwi­schen den Fron­ten zer­rie­ben. Der Ter­ror des IS hat Hun­dert­tau­sen­de in die Flucht getrie­ben; zugleich wer­den die Gren­zen durch die neu­en Rea­li­tä­ten ver­scho­ben. „Der Nahe Osten, so wie wir ihn ken­nen, exis­tiert nicht mehr“, kom­men­tiert Vol­ker Per­thes, Direk­tor der SWP.

In Deutsch­land haben wir über lan­ge Zeit die Augen vor den Fol­gen von Krieg und Gewalt ver­schlos­sen, solan­ge die Gestran­de­ten in Grie­chen­land und Ita­li­en blie­ben. Aber 2015 war dann kein Hal­ten mehr, Hun­dert­tau­sen­de haben sich auf den Marsch über den Bal­kan nach Nor­den gemacht: Auf den Ansturm der Geflüchteten nach Mit­tel­eu­ro­pa hat die Zivil­be­völ­ke­rung schnell mit gro­ßer Hilfs­be­reit­schaft reagiert, bevor Poli­tik und Staat ihren Auf­ga­ben nach­ge­kom­men sind.

Nach Mona­ten des inner­eu­ro­päi­schen Streits kris­tal­li­siert sich ein neu­er Kon­sens schär­fer denn je her­aus: Als Aus­weg aus der feh­len­den inner­eu­ro­päi­schen Soli­da­ri­tät bündelt die EU ihre Kräf­te, um die vor Gewalt und Not flüchtenden Men­schen mög­lichst von dem Weg über das Mit­tel­meer abzu­hal­ten. Fast überall sit­zen Rechts­po­pu­lis­ten der Poli­tik im Nacken. Als einer der letz­ten Rufer macht Papst Fran­zis­kus die euro­päi­schen Völ­ker auf ihre Ver­ant­wor­tung auf­merk­sam und ver­sucht die­ser ego­is­ti­schen Hal­tung zu weh­ren. Haben wir nicht eine viel wei­ter­ge­hen­de Ver­ant­wor­tung in der Welt­ge­sell­schaft jen­seits unse­rer eige­nen Interessen?

Unse­re wis­sen­schaft­li­che Arbeit ist von den geschil­der­ten Ereig­nis­sen nach­hal­tig geprägt. Sie schei­nen in den For­schungs­pro­jek­ten, Vor­trä­gen und Publi­ka­tio­nen des ver­gan­ge­nen Jah­res auf. In einer Zeit, in der Poli­tik nach Lösun­gen wie auch nach Ori­en­tie­rung sucht, wol­len wir dazu unse­ren Bei­trag leisten.

Prof. Dr. Heinz-Gerhard Justenhoven
Lei­ten­der Direktor

Europa vor einer Epochenwende?

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in Kooperation mit der Deutschen Gesellschaft für Osteuropakunde unterstützt von der Solidaritätsaktion Renovabis und der Kath. Friedensstiftung.

Mit die­ser Kon­fe­renz soll­ten die unter­schied­li­chen, teils kon­trä­ren Per­spek­ti­ven auf den Ukraine-Konflikt ins Gespräch gebracht wer­den, um aus dem Ver­ständ­nis der Kom­ple­xi­tät des Kon­flik­tes her­aus nach Ansät­zen zur Über­win­dung zu fra­gen. Aus die­sem Grund wur­den in einem ers­ten Schritt historisch-kulturelle Argu­men­te eben­so debat­tiert wie die Fra­ge gesell­schaft­li­cher Kon­zep­te und Ver­or­tun­gen der Ukrai­ne. Ein zwei­ter Kom­plex bear­bei­te­te aus poli­tik­wis­sen­schaft­li­cher Sicht die Fra­ge nach Ursa­che und Wir­kung: Ist die Außen­po­li­tik Russ­lands eine Fol­ge der Innen­po­li­tik, agiert oder reagiert Russ­land in der Ukrai­ne auf die west­li­che Sicher­heits­po­li­tik in Ost­eu­ro­pa? Wie sehen dies die betrof­fe­nen Natio­nen Ost­eu­ro­pas? In einem drit­ten Schritt wur­de nach Lösungs­we­gen aus der Per­spek­ti­ve des Völ­ker­rechts, der OSZE und der EU gesucht.

I.

Um poli­ti­sche Ansprüche Russ­lands auf die Ukrai­ne zu begründen oder sei­tens der Ukrai­ne abzu­weh­ren, wer­den historisch-politische Nar­ra­ti­ve, Ereig­nis­se die zu einem iden­ti­täts­stif­ten­den Deu­tungs­mus­ter zusam­men gesetzt wur­den, wie­der­be­lebt und teil­wei­se instru­men­ta­li­siert. Die Nar­ra­ti­ven wur­zeln in dem Bedürfnis der post-sowjetische Natio­nen, nach dem Zer­fall der Sowjet­uni­on eine natio­na­le Iden­ti­tät zu fin­den und zu kon­so­li­die­ren. Die­ser Pro­zess, der sowohl auf einer bewuss­ten wie unbe­wuss­ten Ebe­ne statt­ge­fun­den hat, führte in der Ukrai­ne zu einer ande­ren „Erin­ne­rungs­kul­tur“ als in Russ­land; heu­te pral­len die­se unter­schied­li­che Wahr­neh­mung der Geschich­te sicht­bar auf­ein­an­der: Die ver­schie­de­nen Nar­ra­ti­ve über die Geschich­te der Ukrai­ne und das his­to­ri­sche Ver­hält­nis zwi­schen Russ­land, der Krim und Ukrai­ne wer­den in Mos­kau und Kiew bewusst benutzt, um die je eige­ne poli­ti­sche Posi­tio­nen zu recht­fer­ti­gen und die Unterstützung der Bevöl­ke­rung zu sichern, so Prof. Dr. Frank Golc­zew­ski (Uni­ver­si­tät Ham­burg). Um die­ser Fal­le zu ent­ge­hen rät Dr. Anna Vero­ni­ka Wend­land (Uni­ver­si­tät Mar­burg) dazu, die natio­na­lis­ti­sche Instru­men­ta­li­sie­rung der Geschich­te zu dele­gi­ti­mie­ren und dage­gen die Moder­ni­sie­rungs­ge­schich­te der Ukrai­ne mit dem Fokus auf den Mai­dan zu setzen.

Die ver­schie­de­nen christ­li­chen Kir­chen, ins­be­son­de­re die drei ortho­do­xen Kir­chen sind, so zeigt Prof. Dr. Tho­mas Bre­mer (Uni­ver­si­tät Münster) auf, durch ihre kon­sti­tu­ti­ve Bin­dung an die „Nati­on“ in den natio­na­len Eman­zi­pa­ti­ons­pro­zess der Ukrai­ne von Russ­land im 20. Jahr­hun­dert ver­wo­ben: Sowohl in ihrer Ent­ste­hung aus einer russisch-orthodoxen Kir­che in der­zeit drei ortho­do­xe Kir­chen als auch in ihrer Fron­stel­lung als Mos­kau­er oder Kie­wer Kirche.

Olek­san­dr Zabir­ko (Uni­ver­si­tät Münster) erläu­tert das Kon­zept „Rus­ski Mir“ als Ver­such eines Teils der poli­ti­schen Eli­te in Russ­land, eine Art „rus­si­schen Com­mon­wealth“ nach dem Unter­gang des Sowjet­im­pe­ri­ums zu begründen, der den Aus­griff Russ­lands auf benach­bar­te Staa­ten wie die Ukrai­ne und Bela­rus legi­ti­mie­ren kann. In die­sem Kon­zept wird die Anders­heit der rus­si­schen Kul­tur mit Anlei­hen bei rus­si­schen Intel­lek­tu­el­len wie Dos­to­jew­ski und Sol­sche­ni­zyn ver­se­hen und „rus­si­sche Wer­te“ in eine Gegenüberstellung mit und Abgren­zung zu euro­päi­schen Wer­ten gebracht. Yev­ge­ni­ya Rez­ny­chen­ko (Kath. Uni­ver­si­tät Lviv) ergänzt die­se Dar­stel­lung durch zahl­rei­che Bei­spie­le reli­giö­ser Auf­la­dung poli­ti­scher Pro­gram­me in den Medi­en der Volks­re­pu­bli­ken Lugansk und Donezk.

Die The­se einer simp­len Zuord­nung einer dem euro­päi­schen Gesell­schafts­mo­dell zuge­neig­ten West­ukrai­ne gegenüber einer sich an Russ­land ori­en­tie­ren­den Ost­ukrai­ne wider­legt Dr. Mak­sym Yakoy­lyev (Uni­ver­si­tät Kyiv-Mohyla) durch zahl­rei­che sta­tis­ti­sche Bele­ge. Somit gelingt Dr. Yako­v­lyev der Nach­weis, dass es schon seit län­ge­rem Bestre­bun­gen gibt, die Ein­heit der Ukrai­ne zu bestrei­ten und durch angeb­lich „sinn­vol­le“ Auf­tei­lun­gen zu erset­zen, die auf unter­schied­li­chen Kri­te­ri­en wie Spra­che, poli­ti­sche Ori­en­tie­rung oder Eth­ni­zi­tät basie­ren. Die Viel­falt die­ser Ver­su­che zeigt nicht nur, dass die heu­ti­ge binä­re Auf­tei­lung bloß ein wei­te­rer Ver­such ist, die Kom­ple­xi­tät die­ses Lan­des zu redu­zie­ren, son­dern dass das Land tat­säch­lich von einer weit­rei­chen­den Plu­ra­li­tät gekenn­zeich­net ist. Durch die Auf­tei­lung in eine west­li­che, sich an Euro­pa und euro­päi­schen Wer­ten ori­en­tie­ren­de West-Ukraine und eine öst­li­che, sich an Russ­land und rus­si­schen Wer­ten ori­en­tie­ren­de Ost-Ukraine wer­den ver­meid­li­che Ein­deu­tig­kei­ten her­ge­stellt, die es so nicht gebe. Zum Ver­ständ­nis der Ukrai­ne gehö­re, die inhä­ren­te Plu­ra­li­tät des Lan­des zu berücksichtigen.

In welch‘ umfang­rei­chem Maße sich west­li­che Geld­ge­ber (USAID, Sor­os Foun­da­ti­on, EU) mit dem Ziel exter­ner Demo­kra­tie­för­de­rung in der Ukrai­ne enga­gie­ren, illus­triert Susann Worschech MA (Via­dri­na Uni­ver­si­tät Frankfurt/O.). Wäh­rend sich direk­te Aus­wir­kun­gen nicht nach­wei­sen las­sen, sei zu beob­ach­ten, dass die Zivil­ge­sell­schaft von unten wach­se und es zei­ge sich, dass Par­la­men­ta­ri­er aus den NGOs den Sprung ins Par­la­ment in Kiew geschafft haben.

II.

Den Ein­fluss der Innen­po­li­tik auf die Außen­po­li­tik Russ­lands zeigt Prof. Dr. Hans-Henning Schrö­der (FU Ber­lin). Die poli­ti­sche Eli­te, so sei­ne The­se, habe auf die gesun­ke­ne Zustim­mungs­ra­ten in der Fol­ge der öko­no­mi­schen Ver­schlech­te­rung und den Sturz von Auto­kra­ten durch Mas­sen­pro­tes­te (Kai­ro, Kiew) nach einem Pro­jekt gesucht, mit dem sich Zustim­mung gerie­ren ließ. Durch die Anne­xi­on der Krim und die beglei­ten­de patrio­ti­sche Mobi­li­sie­rung sei dies in hohem Maße gelun­gen. Aus rus­si­scher Per­spek­ti­ve hat eine ande­re Kau­sal­ket­te zur Kon­fron­ta­ti­on in der Ukrai­ne geführt: Spä­tes­tens seit dem Jugo­sla­wi­en­krieg habe der Kreml die NATO als aggres­siv erkannt und „Gor­bat­schows Kern­feh­ler“, eine Aus­deh­nung der NATO ver­trag­lich aus­zu­schlie­ßen, bereut. Die Mit­schuld des Wes­tens an der der­zei­ti­gen Kri­se sieht Dr. Vla­dis­lav Bel­ov (Europa-Institut der Russ. Aka­de­mie der Wis­sen­schaf­ten, Mos­kau) dar­in, die rus­si­sche Ein­fluss­zo­ne nicht respek­tiert zu haben und jeden Ver­such Putins vom Wes­ten als gleich­be­rech­tig­ter Part­ner aner­kannt zu wer­den, igno­riert zu haben. Gegen die­se Inter­pre­ta­ti­on hoben ins­be­son­de­re die Teilnehmer/innen aus der Ukrai­ne einen in ihren Augen bedeut­sa­men Unter­schied her­vor: In Mos­kau den­ke man in Ein­fluss­zo­nen, ohne das poli­ti­sche Sub­jekt im Blick zu haben. Genau dage­gen hät­ten sich die Demons­tra­tio­nen auf dem Mai­dan erho­ben: Die Men­schen woll­ten sel­ber über ihr poli­ti­sches Schick­sal bestim­men und nicht mehr Objekt macht­po­li­ti­scher Über­le­gun­gen von Groß­mäch­ten sein.

Die­ser Ver­such eines welt­po­li­ti­schen Come-backs Russ­lands und das Rin­gen um Augen­hö­he trifft, so Dr. Peter Rudolph (SWP), in Washing­ton der­zeit auf star­ke anti­rus­si­sche Instink­te im Kon­gress und gerin­ges öko­no­mi­sches wie gesell­schafts­po­li­ti­sches Inter­es­se an Inter­de­pen­denz. Zusätz­lich ist die koope­ra­ti­ve Poli­tik in den Jah­ren seit Bush II ero­diert. Die Oba­ma Admi­nis­tra­ti­on ver­su­che einer­seits den öst­li­chen NATO-Partnern ihre Sor­gen und ande­rer­seits Rücksicht auf Russ­land zu neh­men, da es sei­ne Koope­ra­ti­on nun in Syri­en benö­ti­ge. Die­se Sor­gen vor einer Aggres­si­on sieht Dr. Marek Cicho­cki (Nato­lin Cent­re War­schau) im Ver­hal­ten des Kreml in der Ukrai­ne bestä­tigt. Putin habe die Ord­nung nach 1989 nie akzep­tiert: Die Prin­zi­pi­en der Unver­letz­lich­keit der Gren­zen, der ter­ri­to­ria­len Inte­gri­tät und Selbst­be­stim­mung. Daher habe Polen kein Ver­trau­en zu Russ­land. Auf das Argu­ment, mit der NATO-Osterweiterung habe der Wes­ten den Kreml erst zu Reak­ti­on her­aus­ge­for­dert, anstatt auf koope­ra­ti­ver Sicher­heits­po­li­tik zu set­zen, ant­wor­tet Cicho­cki mit Ver­weis auf das pol­ni­sche Sicherheitsbedürfnis: Zur NATO habe es kei­ne Alter­na­ti­ve gege­ben, die OSZE sei nicht effek­tiv. In ähn­li­cher Wei­se betrifft der Krieg in der Ukrai­ne die Sicher­heit Litau­ens unmit­tel­bar, so Dr. Felix Acker­mann (Vil­ni­us) mit Ver­weis auf die his­to­ri­sche Erfah­rung (Ver­lust der Eigen­staat­lich­keit 1940) und ver­deck­te Pro­vo­ka­tio­nen rus­si­scher Sicher­heits­diens­te in Litau­en. Zugleich müsse der Wes­ten den „post-sowjetischen Phan­tom­schmerz“ bei Tei­len der poli­ti­schen Eli­te als Fak­tum anerkennen.

III.

Die Anne­xi­on der Krim durch Russ­land beur­teilt Prof. Dr. Ste­fan Oeter (Uni­ver­si­tät Ham­burg) als einen fun­da­men­ta­len Völ­ker­rechts­ver­stoß, der gra­vie­ren­der als ein ein­ma­li­ger und vorübergehender Ver­stoß zu bewer­ten sei, da der Unrechts­zu­stand fort­daue­re. Folg­lich sei die Anne­xi­on nicht aner­ken­nungs­fä­hig. Weil auch eine Rückabwicklung der Anne­xi­on real­po­li­tisch nicht zu erwar­ten sei, bedürfe es eines poli­ti­schen Pro­zes­ses, in den die Ukrai­ne und Russ­land ein­zu­bin­den sei­en: Über einen Auto­no­mie­sta­tus, eine inter­na­tio­nal überwachte Volks­ab­stim­mung und eine spä­te­re Aner­ken­nung der Rea­li­tä­ten durch die Ukrai­ne könn­te der Völ­ker­rechts­bruch „geheilt wer­den“. Zwi­schen­zeit­lich müsse der Schutz der Min­der­hei­ten auf der Krim, auch der der­zeit drang­sa­lier­ten Krim­ta­ta­ren, gewähr­leis­tet werden.

Die Beob­ach­tungs­mis­si­on der OSZE in der Ost­ukrai­ne ist auf deut­sche Initia­ti­ve hin durch­ge­setzt wor­den, um die Umset­zung der Mins­ker Ver­ein­ba­run­gen zu überwachen. Die enor­men Her­aus­for­de­run­gen die­ser peacekeeping-Mission für die OSZE in mate­ri­el­ler wie per­so­nel­ler Hin­sicht beschreibt Dr. Wolf­gang Zell­ner (Cen­ter for OSCE-Research, Ham­burg). Dr. Zell­ner weist dar­auf hin, dass die Mis­si­on gefähr­det und erschwert wird durch die bestehen­de Skep­sis der Ukrai­ner gegenüber aus­län­di­schen Hilfs­kräf­ten. Dort bestehe gro­ße Sor­ge vor einer rus­si­schen Unter­wan­de­rung der OSZE-Mission, was aber in Wirk­lich­keit kaum der Fall sei. Mit Über­nah­me des OSZE-Vorsitzes will Deutsch­land – trotz nicht uner­heb­li­cher Vor­be­hal­te ande­rer OSZE-Mitgliedsstaaten, den Sicher­heits­dia­log mit Russ­land in der OSZE voranbringen.

Die Außen- und Sicher­heits­po­li­tik der EU resümiert Dr. Jana Puglie­rin (Deut­sche Gesell­schaft für Außen­po­li­tik, Ber­lin), in dem sie her­aus­stellt, dass die EU einer­seits kei­ne gemein­sa­me Hal­tung auf den Kon­flikt in der Ukrai­ne ent­wi­ckelt hat­te. Ande­rer­seits haben sich aber ins­be­son­de­re Deutsch­land, Polen und Frank­reich poli­tisch enga­giert: Sie haben mit dem Mins­ker Abkom­men einen Weg aus der Gewalt­es­ka­la­ti­on ebnen kön­nen und die OSZE als insti­tu­tio­nel­len Rah­men anbie­ten kön­nen, den alle Kon­flikt­par­tei­en akzep­tiert haben. Schließ­lich haben sie die übrigen EU-Staaten auf ihre Hal­tung ver­pflich­ten kön­nen und inso­fern eine gewis­se „euro­päi­sche“ Hand­lungs­fä­hig­keit unter Beweis gestellt. Aus einer rus­si­schen Per­spek­ti­ve ergänzt Dr. Eka­te­ri­na Timo­schen­kowa (Europa-Institut der Russ. Aka­de­mie der Wis­sen­schaf­ten, Mos­kau), dass die EU-Außenbeauftragte die Inter­es­sen der EU-Staaten nicht bündeln konn­te, wäh­rend dies Deutsch­land als „Macht der Mit­te“ gelun­gen sei. Frau Timo­schen­kowa ver­trat die The­se, dass zwi­schen den zwei „Groß­raum­zo­nen“ (EU und Russ­land) Ein­fluss­zo­nen bestehen blei­ben würden und warf die Fra­ge auf, wie weit sich die EU nach Osten aus­deh­nen wol­le. Die Debat­te zeig­te, dass dem hier skiz­zier­ten Den­ken in Ein­fluss­zo­nen gegenüber von der ukrai­ni­schen Zivil­be­völ­ke­rung auf dem Mai­dan poli­ti­sche Selbst­be­stim­mung in Anspruch genom­men wor­den sei.

Der Grund­ton der Kon­fe­renz war gekenn­zeich­net von einem mode­ra­ten Pes­si­mis­mus. Eine Mehr­zahl der Teil­neh­mer erwar­tet für die nahe Zukunft einen fro­zen con­flict anstel­le einer kon­struk­ti­ven Lösung. Dies führt der­zeit zu einer gewis­sen Ermat­tung in der gesell­schaft­li­chen und poli­ti­schen Debat­te. Demgegenüber ver­stand sich die Kon­fe­renz als ein Bei­trag, zum wech­sel­sei­ti­gen Ver­ständ­nis bei­zu­tra­gen und das The­ma auf der Agen­da zu hal­ten und nach fried­li­chen Lösun­gen zu suchen.

Frankreich, Deutschland und die EU in Mali

Im Okto­ber 2012 schloss Fran­çois Hol­lan­de den Ein­satz fran­zö­si­scher Boden­trup­pen in Mali noch aus, um dann im Janu­ar 2013 einen anti­ter­ro­ris­tisch begrün­de­ten guer­re sans mer­ci zu erklä­ren. Für die­se Wen­dung erhielt Frank­reich im Blick auf die anti­zi­pier­te Gefahr inter­na­tio­na­le Zustim­mung und poli­ti­sche Unter­stüt­zung für den staat­li­chen Wie­der­auf­bau Malis.

Die­ser mehr­spra­chi­ge Sam­mel­band unter­sucht die Grün­de für den Mei­nungs­um­schwung und fragt nach den poli­ti­schen Inter­es­sen und stra­te­gi­schen Über­le­gun­gen für die­se Ent­schei­dung. Über den aktu­el­len Fall hin­aus wird unter­sucht, wie Mili­tär­ein­sät­ze zur Bei­le­gung inner­afri­ka­ni­scher Kon­flik­te bei­tra­gen kön­nen. Die Autoren fra­gen, in wel­cher Wei­se der schwe­len­de Kon­flikt mit den nord­ma­li­schen Bevöl­ke­rungs­grup­pen Ursa­che der Gewalt war und ob die aktu­el­len poli­ti­schen Lösungs­vor­schlä­ge trag­fä­hig sind. Sie ana­ly­sie­ren unter poli­ti­schen und ethi­schen Gesichts­punk­ten die Chan­cen und Risi­ken des fran­zö­si­schen und euro­päi­schen Enga­ge­ments in Mali.

Arbeitsbericht: August 2013 bis Juli 2014

Ein­lei­tung

Vor weni­gen Wochen ging die Nach­richt durch die Medi­en, die isla­mis­ti­sche Ter­ror­or­ga­ni­sa­ti­on Boko-Haram – was so viel hie­ße wie, „west­li­che Bil­dung ist Sün­de“ – habe aus einer christ­li­chen Schu­le mehr als 200 Mäd­chen ent­führt. Die Empö­rung war all­ge­mein groß. Wie­der ein wei­te­rer Beweis für die abgrund­tie­fe Bos­haf­tikeit isla­mis­ti­scher Ter­ro­ris­ten. Weni­ge Wochen spä­ter konn­te man aller­dings in der deut­schen Aus­ga­be der Le mon­de diplo­ma­tique lesen, dass die Boko-Haram kei­nes­wegs mit dem Frau­en­raub begon­nen hat­ten. Viel­mehr hat­ten Regie­rungs­trup­pen, die in die von der Boko-Haram kon­trol­lier­te Gegend vor­ge­rückt waren, bei ihrem Abzug Frau­en und Mäd­chen zuvor in den Süden ent­führt. War­um erfährt man so etwas nicht aus inlän­di­schen Medi­en? War­um wur­de vom Frau­en­raub der Regie­rungs­trup­pen nicht berich­tet, als er ge

Wie steht es heu­te um Objek­ti­vi­tät und Selek­ti­vi­tät der Bericht­erstat­tung, um unse­ren Wil­len zur Wahr­heit in den Medi­en, um unse­ren Wil­len zur Wahr­heit? Unse­re Sor­ge ist, dass ein neu­er Manich­äis­mus droht, der das gan­ze Welt­ge­sche­hen in das Ras­ter der „Strei­ter des Lich­tes“ gegen die „Kämp­fer der Dun­kel­heit“ presst und nur noch das wahr­neh­men will, was in die­ses Ras­ter passt. Die Fol­ge ist eine Ver­teu­fe­lung derer, die man als Bedro­hung wahr­nimmt. So ent­ste­hen Feind­schaft und der Wil­le zur Ver­nich­tung des Geg­ners. Offen­sicht­lich schau­keln sich hier zwei Sei­ten gegen­sei­tig in Kriegs­eu­pho­rie hoch. Das ist brand­ge­fähr­lich. Viel­leicht besteht eine west­li­che Auf­ga­be christ­li­cher Frie­dens­ethik in der vor uns lie­gen­den Zeit im Wil­len zur gan­zen­Wahr­heit, zum Ver­ständ­nis – nicht Recht­fer­ti­gung – ande­rer und zur Kri­tik unse­rer selbst.

Zur Wahr­heit unse­res Insti­tuts gehört es, dass es Prof. Dr. Ger­hard Beesterm­öl­ler ver­las­sen wird, weil er den Lehr­stuhl für Moral­theo­lo­gie und Sozi­al­ethik am Cent­re Jean XXII in Luxem­burg über­nimmt. Wir wün­schen ihm von Her­zen einen guten Start und eine segens­rei­che Zeit im Groß­her­zog­tum. Er wird dem Insti­tut in des­sen Gre­mi­en erhal­ten blei­ben. Das Ver­trau­ens­ver­hält­nis und die gute Zusam­men­ar­beit zwi­schen den bei­den Direk­to­ren wer­den auch in Zukunft bestehen. Gemein­sa­me Koope­ra­ti­ons­pro­jek­te sind schon ange­dacht. Für 30 Jah­re Arbeit am ithf sei Prof. Dr. Ger­hard Beesterm­öl­ler ein herz­li­ches Vergelt’s Gott gesagt! Neu­er stell­ver­tre­ten­der Direk­tor wird Dr. Bern­hard Koch. Dazu Prof. Beesterm­öl­ler: „Ich woll­te mei­ne Nach­fol­ge eigent­li­che in gute Hän­de gelegt wis­sen. Jetzt weiß ich, dass sie in sehr guten liegt! Ihm von Her­zen Got­tes Segen für sei­ne Aufgabe!“

Prof. Dr. Heinz-Gerhard Justenhoven
Ltd. Direktor


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From Just War to Modern Peace Ethics.

This book rewri­tes the histo­ry of Chris­ti­an peace ethics. Chris­ti­an reflec­tion on redu­cing vio­lence or over­co­ming war has roots in anci­ent Roman phi­lo­so­phy and even­tual­ly grew to influence modern inter­na­tio­nal law. This his­to­ri­cal over­view beg­ins with Cice­ro, the source of Chris­ti­an aut­hors like Augus­ti­ne and Tho­mas Aqui­nas. It is high­ly debata­ble whe­ther Augus­ti­ne had a sys­te­ma­tic inte­rest in just war or whe­ther his wri­tin­gs were used to deve­lop a sys­te­ma­tic just war tea­ching only by the later tra­di­ti­on. May Chris­ti­ans jus­ti­fia­bly use force to over­co­me dis­or­der and achie­ve peace? The book traces the clas­si­cal deba­te from Tho­mas Aqui­nas to ear­ly modern-age thin­kers like Vito­ria, Sua­rez, Mar­tin Luther, Hugo Gro­ti­us and Imma­nu­el Kant. It high­lights the diver­si­ty of the approa­ches of theo­lo­gi­ans, phi­lo­so­phers and lawy­ers. Modern cos­mo­po­litia­nism and inter­na­tio­nal law-thinking, it shows, are roo­ted in the Spa­nish Scho­la­s­tics, whe­re Gro­ti­us and Kant each found the inspi­ra­ti­on to inau­gu­ra­te a modern peace ethic. In the 20th cen­tu­ry the tra­di­ti­on has taken aim not only at redu­cing vio­lence and over­co­ming war but at deve­lo­ping a con­s­truc­ti­ve ethic of peace buil­ding, as is reflec­ted in Pope John Paul II’s teaching.

Das internationale Engagement in Afghanistan in der Sackgasse?

Das Ein­grei­fen der Staa­ten­ge­mein­schaft in den afgha­ni­schen Bür­ger­krieg Ende 2001 war geprägt vom Schock der vor­an­ge­gan­ge­nen Anschlä­ge in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten und der sei­ner­zeit all­ge­mein akzep­tier­ten Not­wen­dig­keit, den Rück­zugs­raum der hier­für ver­ant­wort­li­chen Ter­ro­ris­ten zu schlie­ßen. Die sehr brei­te inter­na­tio­na­le Unter­stüt­zung für das Ein­grei­fen war aber auch geprägt von der gro­ßen und anfangs durch­aus berech­tig­ten Hoff­nung, dass dies einen Neu­an­fang für das afgha­ni­sche Volk bedeu­ten wür­de. Die­se Hoff­nung ist in den dar­auf fol­gen­den Jah­ren zuneh­mend der Ernüch­te­rung gewi­chen. Die Kampf­hand­lun­gen in Afgha­ni­stan gegen Auf­stän­di­sche wie zur Ver­fol­gung von Ter­ro­ris­ten sind nach mehr als neun Jah­ren nicht abge­schlos­sen, die Zivil­be­völ­ke­rung lebt in einer Situa­ti­on stän­di­ger phy­si­scher Bedro­hung. So ist die Bilanz ernüch­ternd, die ehr­gei­zi­gen poli­ti­schen Zie­le erschei­nen kaum noch erreich­bar. Der Auf­bau eines demo­kra­ti­schen Afgha­ni­stan, in dem Men­schen­rech­te, ins­be­son­de­re auch die von Frau­en und Mäd­chen, respek­tiert wer­den, wird heu­te als unrea­lis­tisch ange­se­hen. Ange­sichts der Län­ge und Kos­ten des inter­na­tio­na­len Ein­sat­zes ringt die öffent­li­che Debat­te heu­te dar­um, wie der inter­na­tio­na­le Ein­satz mög­lichst bald unter Wah­rung von Mini­mal­stan­dards been­det wer­den kann.

In dem vor­lie­gen­den Band gehen Prak­ti­ker und Wis­sen­schaft­ler ver­schie­de­ner Dis­zi­pli­nen der Fra­ge nach, ob das inter­na­tio­na­le Enga­ge­ment in Afgha­ni­stan noch die ele­men­tars­ten poli­ti­schen Zie­le errei­chen kann. Sie ana­ly­sie­ren und bewer­ten die heu­te ver­folg­ten Stra­te­gien zur Sta­bi­li­sie­rung und zum Wie­der­auf­bau Afgha­ni­stans. Im Kern geht es um die Fra­ge nach den ethi­schen Min­dest­stan­dards poli­ti­scher Ord­nung als Vor­aus­set­zung für eine exit stra­tegy, die gera­de gegen­über der afgha­ni­schen Bevöl­ke­rung ver­ant­wort­bar sein muss.


Mit Bei­trä­gen von: 

Ebra­him Afsah, Fou­zieh Mela­nie Ala­mir, Hans-Georg Ehr­hart, Moham­mad Homa­yon Hash­i­mi, Heinz-Gerhard Jus­ten­ho­ven, Roland Kaest­ner, Wolf­gang Lie­ne­mann, Win­fried Nacht­wei, August Pra­det­to, Danie­le Rig­gio und Udo Steinbach.

Intervention im Kongo:

Die EU hat Sol­da­ten in die DR Kon­go geschickt, um im Rah­men einer UN-Mission demo­kra­ti­sche Wah­len abzu­si­chern. Wenn gilt, dass “kein Land ohne eige­ne Inter­es­sen inter­ve­niert” (Josch­ka Fischer), dann fragt sich, wel­che Inter­es­sen die an der Inter­ven­ti­on betei­lig­ten Akteu­re ver­folg­ten. Ging es um Frie­den für das kon­go­le­si­sche Volk, um eine demo­kra­ti­sche Rechts­ord­nung mit einem frei gewähl­ten Par­la­ment und Prä­si­den­ten? Oder stan­den natio­na­le Inter­es­sen der inter­ve­nie­ren­den Staa­ten oder Inter­es­sen der EU als welt­po­li­ti­scher Akteur im Vor­der­grund? Stre­ben die rele­van­ten Akteu­re im Kon­go wirk­lich eine auf poli­ti­scher Par­ti­zi­pa­ti­on auf­bau­en­de sta­bi­le poli­ti­sche Ord­nung an? Was bedeu­ten die Leh­ren der Kongo-Intervention für zukünf­ti­ge Mili­tär­mis­sio­nen der UN und der EU in Afri­ka und anderswo?