Europa vor einer Epochenwende? Der Kampf um die Ukraine und die Folgen für die Friedensordnung in Europa

Kon­fe­renz­be­rich­te

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in Kooperation mit der Deutschen Gesellschaft für Osteuropakunde unterstützt von der Solidaritätsaktion Renovabis und der Kath. Friedensstiftung.

Mit die­ser Kon­fe­renz soll­ten die unter­schied­li­chen, teils kon­trä­ren Per­spek­ti­ven auf den Ukraine-Konflikt ins Gespräch gebracht wer­den, um aus dem Ver­ständ­nis der Kom­ple­xi­tät des Kon­flik­tes her­aus nach Ansät­zen zur Über­win­dung zu fra­gen. Aus die­sem Grund wur­den in einem ers­ten Schritt historisch-kulturelle Argu­men­te eben­so debat­tiert wie die Fra­ge gesell­schaft­li­cher Kon­zep­te und Ver­or­tun­gen der Ukrai­ne. Ein zwei­ter Kom­plex bear­bei­te­te aus poli­tik­wis­sen­schaft­li­cher Sicht die Fra­ge nach Ursa­che und Wir­kung: Ist die Außen­po­li­tik Russ­lands eine Fol­ge der Innen­po­li­tik, agiert oder reagiert Russ­land in der Ukrai­ne auf die west­li­che Sicher­heits­po­li­tik in Ost­eu­ro­pa? Wie sehen dies die betrof­fe­nen Natio­nen Ost­eu­ro­pas? In einem drit­ten Schritt wur­de nach Lösungs­we­gen aus der Per­spek­ti­ve des Völ­ker­rechts, der OSZE und der EU gesucht.

I.

Um poli­ti­sche Ansprüche Russ­lands auf die Ukrai­ne zu begründen oder sei­tens der Ukrai­ne abzu­weh­ren, wer­den historisch-politische Nar­ra­ti­ve, Ereig­nis­se die zu einem iden­ti­täts­stif­ten­den Deu­tungs­mus­ter zusam­men gesetzt wur­den, wie­der­be­lebt und teil­wei­se instru­men­ta­li­siert. Die Nar­ra­ti­ven wur­zeln in dem Bedürfnis der post-sowjetische Natio­nen, nach dem Zer­fall der Sowjet­uni­on eine natio­na­le Iden­ti­tät zu fin­den und zu kon­so­li­die­ren. Die­ser Pro­zess, der sowohl auf einer bewuss­ten wie unbe­wuss­ten Ebe­ne statt­ge­fun­den hat, führte in der Ukrai­ne zu einer ande­ren „Erin­ne­rungs­kul­tur“ als in Russ­land; heu­te pral­len die­se unter­schied­li­che Wahr­neh­mung der Geschich­te sicht­bar auf­ein­an­der: Die ver­schie­de­nen Nar­ra­ti­ve über die Geschich­te der Ukrai­ne und das his­to­ri­sche Ver­hält­nis zwi­schen Russ­land, der Krim und Ukrai­ne wer­den in Mos­kau und Kiew bewusst benutzt, um die je eige­ne poli­ti­sche Posi­tio­nen zu recht­fer­ti­gen und die Unterstützung der Bevöl­ke­rung zu sichern, so Prof. Dr. Frank Gol­c­zew­ski (Uni­ver­si­tät Ham­burg). Um die­ser Fal­le zu ent­ge­hen rät Dr. Anna Vero­ni­ka Wend­land (Uni­ver­si­tät Mar­burg) dazu, die natio­na­lis­ti­sche Instru­men­ta­li­sie­rung der Geschich­te zu dele­gi­ti­mie­ren und dage­gen die Moder­ni­sie­rungs­ge­schich­te der Ukrai­ne mit dem Fokus auf den Mai­dan zu set­zen.

Die ver­schie­de­nen christ­li­chen Kir­chen, ins­be­son­de­re die drei ortho­do­xen Kir­chen sind, so zeigt Prof. Dr. Tho­mas Bre­mer (Uni­ver­si­tät Münster) auf, durch ihre kon­sti­tu­ti­ve Bin­dung an die „Nati­on“ in den natio­na­len Eman­zi­pa­ti­ons­pro­zess der Ukrai­ne von Russ­land im 20. Jahr­hun­dert ver­wo­ben: Sowohl in ihrer Ent­ste­hung aus einer russisch-orthodoxen Kir­che in der­zeit drei ortho­do­xe Kir­chen als auch in ihrer Fron­stel­lung als Mos­kau­er oder Kie­wer Kir­che.

Olek­san­dr Zabir­ko (Uni­ver­si­tät Münster) erläu­tert das Kon­zept „Rus­s­ki Mir“ als Ver­such eines Teils der poli­ti­schen Eli­te in Russ­land, eine Art „rus­si­schen Com­mon­wealth“ nach dem Unter­gang des Sowjet­im­pe­ri­ums zu begründen, der den Aus­griff Russ­lands auf benach­bar­te Staa­ten wie die Ukrai­ne und Bela­rus legi­ti­mie­ren kann. In die­sem Kon­zept wird die Anders­heit der rus­si­schen Kul­tur mit Anlei­hen bei rus­si­schen Intel­lek­tu­el­len wie Dos­to­jew­ski und Sol­sche­ni­zyn ver­se­hen und „rus­si­sche Wer­te“ in eine Gegenüberstellung mit und Abgren­zung zu euro­päi­schen Wer­ten gebracht. Yev­ge­ni­ya Rez­ny­chen­ko (Kath. Uni­ver­si­tät Lviv) ergänzt die­se Dar­stel­lung durch zahl­rei­che Bei­spie­le reli­giö­ser Auf­la­dung poli­ti­scher Pro­gram­me in den Medi­en der Volks­re­pu­bli­ken Lug­ansk und Donezk.

Die The­se einer simp­len Zuord­nung einer dem euro­päi­schen Gesell­schafts­mo­dell zuge­neig­ten West­ukrai­ne gegenüber einer sich an Russ­land ori­en­tie­ren­den Ost­ukrai­ne wider­legt Dr. Mak­sym Yakoy­ly­ev (Uni­ver­si­tät Kyiv-Mohyla) durch zahl­rei­che sta­tis­ti­sche Bele­ge. Somit gelingt Dr. Yakov­ly­ev der Nach­weis, dass es schon seit län­ge­rem Bestre­bun­gen gibt, die Ein­heit der Ukrai­ne zu bestrei­ten und durch angeb­lich „sinn­vol­le“ Auf­tei­lun­gen zu erset­zen, die auf unter­schied­li­chen Kri­te­ri­en wie Spra­che, poli­ti­sche Ori­en­tie­rung oder Eth­ni­zi­tät basie­ren. Die Viel­falt die­ser Ver­su­che zeigt nicht nur, dass die heu­ti­ge binä­re Auf­tei­lung bloß ein wei­te­rer Ver­such ist, die Kom­ple­xi­tät die­ses Lan­des zu redu­zie­ren, son­dern dass das Land tat­säch­lich von einer weit­rei­chen­den Plu­ra­li­tät gekenn­zeich­net ist. Durch die Auf­tei­lung in eine west­li­che, sich an Euro­pa und euro­päi­schen Wer­ten ori­en­tie­ren­de West-Ukraine und eine öst­li­che, sich an Russ­land und rus­si­schen Wer­ten ori­en­tie­ren­de Ost-Ukraine wer­den ver­meid­li­che Ein­deu­tig­kei­ten her­ge­stellt, die es so nicht gebe. Zum Ver­ständ­nis der Ukrai­ne gehö­re, die inhä­ren­te Plu­ra­li­tät des Lan­des zu berücksichtigen.

In welch‘ umfang­rei­chem Maße sich west­li­che Geld­ge­ber (USAID, Soros Foun­da­ti­on, EU) mit dem Ziel exter­ner Demo­kra­tie­för­de­rung in der Ukrai­ne enga­gie­ren, illus­triert Susann Worschech MA (Via­dri­na Uni­ver­si­tät Frankfurt/O.). Wäh­rend sich direk­te Aus­wir­kun­gen nicht nach­wei­sen las­sen, sei zu beob­ach­ten, dass die Zivil­ge­sell­schaft von unten wach­se und es zei­ge sich, dass Par­la­men­ta­ri­er aus den NGOs den Sprung ins Par­la­ment in Kiew geschafft haben.

II.

Den Ein­fluss der Innen­po­li­tik auf die Außen­po­li­tik Russ­lands zeigt Prof. Dr. Hans-Henning Schrö­der (FU Ber­lin). Die poli­ti­sche Eli­te, so sei­ne The­se, habe auf die gesun­ke­ne Zustim­mungs­ra­ten in der Fol­ge der öko­no­mi­schen Ver­schlech­te­rung und den Sturz von Auto­kra­ten durch Mas­sen­pro­tes­te (Kai­ro, Kiew) nach einem Pro­jekt gesucht, mit dem sich Zustim­mung gerie­ren ließ. Durch die Anne­xi­on der Krim und die beglei­ten­de patrio­ti­sche Mobi­li­sie­rung sei dies in hohem Maße gelun­gen. Aus rus­si­scher Per­spek­ti­ve hat eine ande­re Kau­sal­ket­te zur Kon­fron­ta­ti­on in der Ukrai­ne geführt: Spä­tes­tens seit dem Jugo­sla­wi­en­krieg habe der Kreml die NATO als aggres­siv erkannt und „Gor­bat­schows Kern­feh­ler“, eine Aus­deh­nung der NATO ver­trag­lich aus­zu­schlie­ßen, bereut. Die Mit­schuld des Wes­tens an der der­zei­ti­gen Kri­se sieht Dr. Vla­dis­lav Belov (Europa-Institut der Russ. Aka­de­mie der Wis­sen­schaf­ten, Mos­kau) dar­in, die rus­si­sche Ein­fluss­zo­ne nicht respek­tiert zu haben und jeden Ver­such Putins vom Wes­ten als gleich­be­rech­tig­ter Part­ner aner­kannt zu wer­den, igno­riert zu haben. Gegen die­se Inter­pre­ta­ti­on hoben ins­be­son­de­re die Teilnehmer/innen aus der Ukrai­ne einen in ihren Augen bedeut­sa­men Unter­schied her­vor: In Mos­kau den­ke man in Ein­fluss­zo­nen, ohne das poli­ti­sche Sub­jekt im Blick zu haben. Genau dage­gen hät­ten sich die Demons­tra­tio­nen auf dem Mai­dan erho­ben: Die Men­schen woll­ten sel­ber über ihr poli­ti­sches Schick­sal bestim­men und nicht mehr Objekt macht­po­li­ti­scher Über­le­gun­gen von Groß­mäch­ten sein.

Die­ser Ver­such eines welt­po­li­ti­schen Come-backs Russ­lands und das Rin­gen um Augen­hö­he trifft, so Dr. Peter Rudolph (SWP), in Washing­ton der­zeit auf star­ke anti­rus­si­sche Instink­te im Kon­gress und gerin­ges öko­no­mi­sches wie gesell­schafts­po­li­ti­sches Inter­es­se an Inter­de­pen­denz. Zusätz­lich ist die koope­ra­ti­ve Poli­tik in den Jah­ren seit Bush II ero­diert. Die Oba­ma Admi­nis­tra­ti­on ver­su­che einer­seits den öst­li­chen NATO-Partnern ihre Sor­gen und ande­rer­seits Rücksicht auf Russ­land zu neh­men, da es sei­ne Koope­ra­ti­on nun in Syri­en benö­ti­ge. Die­se Sor­gen vor einer Aggres­si­on sieht Dr. Marek Cicho­cki (Nato­lin Cent­re War­schau) im Ver­hal­ten des Kreml in der Ukrai­ne bestä­tigt. Putin habe die Ord­nung nach 1989 nie akzep­tiert: Die Prin­zi­pi­en der Unver­letz­lich­keit der Gren­zen, der ter­ri­to­ria­len Inte­gri­tät und Selbst­be­stim­mung. Daher habe Polen kein Ver­trau­en zu Russ­land. Auf das Argu­ment, mit der NATO-Osterweiterung habe der Wes­ten den Kreml erst zu Reak­ti­on her­aus­ge­for­dert, anstatt auf koope­ra­ti­ver Sicher­heits­po­li­tik zu set­zen, ant­wor­tet Cicho­cki mit Ver­weis auf das pol­ni­sche Sicherheitsbedürfnis: Zur NATO habe es kei­ne Alter­na­ti­ve gege­ben, die OSZE sei nicht effek­tiv. In ähn­li­cher Wei­se betrifft der Krieg in der Ukrai­ne die Sicher­heit Litau­ens unmit­tel­bar, so Dr. Felix Acker­mann (Vil­ni­us) mit Ver­weis auf die his­to­ri­sche Erfah­rung (Ver­lust der Eigen­staat­lich­keit 1940) und ver­deck­te Pro­vo­ka­tio­nen rus­si­scher Sicher­heits­diens­te in Litau­en. Zugleich müsse der Wes­ten den „post-sowjetischen Phan­tom­schmerz“ bei Tei­len der poli­ti­schen Eli­te als Fak­tum aner­ken­nen.

III.

Die Anne­xi­on der Krim durch Russ­land beur­teilt Prof. Dr. Ste­fan Oeter (Uni­ver­si­tät Ham­burg) als einen fun­da­men­ta­len Völ­ker­rechts­ver­stoß, der gra­vie­ren­der als ein ein­ma­li­ger und vorübergehender Ver­stoß zu bewer­ten sei, da der Unrechts­zu­stand fort­daue­re. Folg­lich sei die Anne­xi­on nicht aner­ken­nungs­fä­hig. Weil auch eine Rückabwicklung der Anne­xi­on real­po­li­tisch nicht zu erwar­ten sei, bedürfe es eines poli­ti­schen Pro­zes­ses, in den die Ukrai­ne und Russ­land ein­zu­bin­den sei­en: Über einen Auto­no­mie­sta­tus, eine inter­na­tio­nal überwachte Volks­ab­stim­mung und eine spä­te­re Aner­ken­nung der Rea­li­tä­ten durch die Ukrai­ne könn­te der Völ­ker­rechts­bruch „geheilt wer­den“. Zwi­schen­zeit­lich müsse der Schutz der Min­der­hei­ten auf der Krim, auch der der­zeit drang­sa­lier­ten Krim­ta­ta­ren, gewähr­leis­tet wer­den.

Die Beob­ach­tungs­mis­si­on der OSZE in der Ost­ukrai­ne ist auf deut­sche Initia­ti­ve hin durch­ge­setzt wor­den, um die Umset­zung der Mins­ker Ver­ein­ba­run­gen zu überwachen. Die enor­men Her­aus­for­de­run­gen die­ser peacekeeping-Mission für die OSZE in mate­ri­el­ler wie per­so­nel­ler Hin­sicht beschreibt Dr. Wolf­gang Zell­ner (Cen­ter for OSCE-Research, Ham­burg). Dr. Zell­ner weist dar­auf hin, dass die Mis­si­on gefähr­det und erschwert wird durch die bestehen­de Skep­sis der Ukrai­ner gegenüber aus­län­di­schen Hilfs­kräf­ten. Dort bestehe gro­ße Sor­ge vor einer rus­si­schen Unter­wan­de­rung der OSZE-Mission, was aber in Wirk­lich­keit kaum der Fall sei. Mit Über­nah­me des OSZE-Vorsitzes will Deutsch­land – trotz nicht uner­heb­li­cher Vor­be­hal­te ande­rer OSZE-Mitgliedsstaaten, den Sicher­heits­dia­log mit Russ­land in der OSZE vor­an­brin­gen.

Die Außen- und Sicher­heits­po­li­tik der EU resümiert Dr. Jana Puglie­rin (Deut­sche Gesell­schaft für Außen­po­li­tik, Ber­lin), in dem sie her­aus­stellt, dass die EU einer­seits kei­ne gemein­sa­me Hal­tung auf den Kon­flikt in der Ukrai­ne ent­wi­ckelt hat­te. Ande­rer­seits haben sich aber ins­be­son­de­re Deutsch­land, Polen und Frank­reich poli­tisch enga­giert: Sie haben mit dem Mins­ker Abkom­men einen Weg aus der Gewalt­es­ka­la­ti­on ebnen kön­nen und die OSZE als insti­tu­tio­nel­len Rah­men anbie­ten kön­nen, den alle Kon­flikt­par­tei­en akzep­tiert haben. Schließ­lich haben sie die übrigen EU-Staaten auf ihre Hal­tung ver­pflich­ten kön­nen und inso­fern eine gewis­se „euro­päi­sche“ Hand­lungs­fä­hig­keit unter Beweis gestellt. Aus einer rus­si­schen Per­spek­ti­ve ergänzt Dr. Eka­te­ri­na Timo­schen­ko­wa (Europa-Institut der Russ. Aka­de­mie der Wis­sen­schaf­ten, Mos­kau), dass die EU-Außenbeauftragte die Inter­es­sen der EU-Staaten nicht bündeln konn­te, wäh­rend dies Deutsch­land als „Macht der Mit­te“ gelun­gen sei. Frau Timo­schen­ko­wa ver­trat die The­se, dass zwi­schen den zwei „Groß­raum­zo­nen“ (EU und Russ­land) Ein­fluss­zo­nen bestehen blei­ben würden und warf die Fra­ge auf, wie weit sich die EU nach Osten aus­deh­nen wol­le. Die Debat­te zeig­te, dass dem hier skiz­zier­ten Den­ken in Ein­fluss­zo­nen gegenüber von der ukrai­ni­schen Zivil­be­völ­ke­rung auf dem Mai­dan poli­ti­sche Selbst­be­stim­mung in Anspruch genom­men wor­den sei.

Der Grund­ton der Kon­fe­renz war gekenn­zeich­net von einem mode­ra­ten Pes­si­mis­mus. Eine Mehr­zahl der Teil­neh­mer erwar­tet für die nahe Zukunft einen fro­zen con­flict anstel­le einer kon­struk­ti­ven Lösung. Dies führt der­zeit zu einer gewis­sen Ermat­tung in der gesell­schaft­li­chen und poli­ti­schen Debat­te. Demgegenüber ver­stand sich die Kon­fe­renz als ein Bei­trag, zum wech­sel­sei­ti­gen Ver­ständ­nis bei­zu­tra­gen und das The­ma auf der Agen­da zu hal­ten und nach fried­li­chen Lösun­gen zu suchen.


Prof. Dr. Heinz-Gerhard Jus­ten­ho­ven
ISBN · Ham­burg · 2015