Friedensethik des Luigi Taparelli D’Azeglio

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Quelle: PIRRI P., Carteggi del P. Luigi Taparelli d’Azeglio, Turin 1932; ers­tes Blatt

Ein Forschungsschwerpunkt des Instituts ist in der Vergangenheit die Aufarbeitung der frie­dens­ethi­schen Tradition ge­we­sen. So wie das abend­län­di­sche Denken über­haupt, ist auch die theo­lo­gi­sche und phi­lo­so­phi­sche Tradition in Bezug auf die Themen Krieg und Frieden in der Antike ver­wur­zelt. Seit die­ser Zeit wur­de in je­der Epoche – durch Mittelalter und Neuzeit hin­durch bis heu­te – um die Frage ge­run­gen, in wel­chem Verhältnis Krieg, Frieden und Gerechtigkeit zu­ein­an­der ste­hen sol­len. Eine der Kernfragen ist, ob es ethi­sch rich­tig oder so­gar ge­bo­ten sein kann, krie­ge­ri­sche Gewalt an­zu­wen­den, um Frieden zu er­rei­chen und wenn ja, un­ter wel­chen Voraussetzungen. Ziel des Projektes ist es, die Ergebnisse die­ser Auseinandersetzungen und de­ren Wirkungsgeschichte her­aus­zu­ar­bei­ten. So wer­den die Wurzeln un­se­res heu­ti­gen Denkens frei­ge­legt und un­se­re ak­tu­el­le Perspektive durch die Ergebnisse frü­he­rer Reflexionen ge­wei­tet. Denn die fun­dier­te Kenntnis der Vergangenheit öff­net – an­ge­sichts der je­weils ge­gen­wär­ti­gen Probleme – den Horizont für die Lösungsansätze der Zunkunft.

In über 30 Jahren hat das Institut für Theologie und Frieden wich­ti­ge ‚frie­dens­ethi­sche Wegmarken‘ er­schlos­sen: von Cicero über Augustinus, Thomas von Aquin, Francisco de Vitoria, Bartolomé de Las Casas, Domingo de Soto, Francisco Suárez bis hin zum Lehramt des 20. Jahrhunderts. Mittlerweile ist ei­ne re­nom­mier­te Bibliothek der frie­dens­ethi­schen Tradition ge­wach­sen, die welt­weit ih­res­glei­chen sucht.

Derzeit ar­bei­ten wir seit Frühjahr 2016 in ei­nem klei­nen, in Teilzeit rea­li­sier­ten Projekt an Luigi Taparelli D’Azeglio (1793 – 1862). Der Jesuit aus ad­li­ger pie­mon­te­s­er Familie lehr­te lan­ge Jahre in Palermo, wo er auch sein na­tur­recht­li­ches Hauptwerk¹ ver­fass­te. Von 1850 an ge­hör­te er auf Wunsch Papst Pius IX. zu den Gründungsredakteuren der Kulturzeitschrift La Civiltà Cattolica durch die si­ch die Kirche fort­an grund­le­gend in ak­tu­el­le Diskurse ein­brin­gen soll­te. Die Päpste von Leo XIII. bis Pius XI. ha­ben Taparelli und sein na­tur­recht­li­ches Denken als wirk­mäch­ti­ge Prägung be­zeich­net – doch zu sei­nem Werk gibt es in­ter­na­tio­nal nur ei­ne ge­rin­ge wis­sen­schaft­li­che Rezeption.² Sein Denken weist in Kontrast da­zu an ver­schie­de­nen Stellen Spitzen auf, die deut­li­ch über sei­ne Zeit hin­aus­wei­sen; so bei­spiels­wei­se hin­sicht­li­ch der Organisation und Verantwortungsübernahme auf inter- bzw. su­pra­na­tio­na­ler Ebene. All dies hat ihn zu ei­ner wei­te­ren, für uns loh­nens­wer­ten ‚frie­dens­ethi­schen Wegmarke‘ wer­den las­sen.


¹ Saggio teo­re­ti­co di di­rit­to na­tu­ra­le ap­pog­gia­to sul fat­to, 1. Auflage, Palermo 1840-43 (bis 1855 folg­ten drei je­weils über­ar­bei­te­te Neuauflagen).
² In deut­scher Sprache lie­gen zwei Dissertationen so­wie ein hal­bes Dutzend Beiträge in Sammelbänden vor.


Projektleiter

Dr. Marco Schrage