Grundfragen der GASP in theologisch-ethischen Zugängen

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Sich aus der Per­spek­ti­ve theo­lo­gi­scher Ethik mit Sicher­heits­po­li­tik aus­ein­an­der­zu­set­zen, fällt nicht in den Kern­be­reich die­ser Dis­zi­plin. Auch wer sich aus kirch­li­cher Ver­or­tung her­aus mit dem aus­wär­ti­gen Han­deln der Euro­päi­schen Uni­on (EU) beschäf­tigt, bewegt sich eher in einem kirch­li­chen Rand­be­reich. Bei­des mit­ein­an­der zu ver­bin­den, könn­te aus der skiz­zier­ten Blick­rich­tung her­aus als gänz­lich absei­ti­ges Inter­es­sens­ob­jekt ange­se­hen wer­den: Ins­be­son­de­re, wenn es anhand des exem­pla­ri­schen Gesche­hens in Mali/im zen­tra­len Sahel ent­fal­tet wer­den soll. Doch das ist ganz und gar nicht so.

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Ers­tens ist Sicher­heit ein genu­in theologisch-ethisches Refle­xi­ons­feld, denn die Beschäf­ti­gung mit ihr kon­fron­tiert uns sowohl mit der irri­tie­ren­den Ein­sicht, dass es jedes Wis­sen um Sicher­heit nur als hypo­the­ti­sches geben kann als auch mit der viru­len­ten Ver­su­chung, dass wir voll­kom­me­ne Sicher­heit in quasi-demiurgischer Atti­tü­de selbst erschaf­fen wollen.

Zwei­tens ist die EU von einem Respekt- und Koope­ra­ti­ons­mü­hen in ihrem Inne­ren getra­gen, sodass kohä­ren­ter­wei­se auch ihr aus­wär­ti­ges Han­deln von eben die­ser Hal­tung ganz durch­wirkt sein muss: Da Leben aus dem Glau­ben, da kirch­li­ches Leben gera­de auf das Stif­ten und Stär­ken von Frie­den zielt, ist die EU vor die­sem Hin­ter­grund ein genu­in kirch­li­cher Ort.

Drit­tens ist Mali/der zen­tra­le Sahel ein plausibel-lohnenswertes Bei­spiel. Zum einen fin­den sich sei­ne Pro­ble­me – Armut, Bil­dungs­aus­fall, Kor­rup­ti­on, man­geln­des Gemein­wohl­be­wusst­sein, inter-ethnische Macht- und Res­sour­cen­kämp­fe, Waffen-, Drogen- und Men­schen­schmug­gel – muta­tis mutan­dis in vie­len ande­ren Staa­ten Afri­kas. Zum ande­ren wer­den die Kri­sen und Erschüt­te­run­gen der kom­men­den Jahr­zehn­te in die­sem Erd­teil Euro­pa inten­si­ver tref­fen als ande­re Welt­ge­gen­den und wer­den inner­halb der west­li­chen Welt zugleich die euro­päi­schen Staa­ten als für die Sta­bi­li­sie­rung und Stär­kung die­ses Kon­ti­nents Erst­zu­stän­di­ge benannt. Zu guter Letzt ist Mali/der zen­tra­le Sahel die Regi­on in Afri­ka, in der sich die EU am stärks­ten sicher­heits­po­li­tisch enga­giert; und die Not­wen­dig­keit die­ses Enga­ge­ments wird für die Euro­pä­er noch sehr vie­le Jah­re bestehen bleiben.

Metho­disch folgt der Gang des Vor­ha­bens dem klas­si­schen, drei­schrit­ti­gen Ansatz der Moral­theo­lo­gie: Sehen – Urtei­len – Han­deln. Es ent­fal­tet sich daher in drei (exem­pla­ri­schen) Schrit­ten – einem epis­te­mi­schen, einem nor­ma­ti­ven, einem evaluativen:

• Wel­ches Ver­ständ­nis von Sicher­heits­po­li­tik hat die EU und wel­ches sind ihre wesent­li­chen sicher­heits­po­li­ti­schen Beiträge?

• Wie ist dafür inner­halb des Denk­raums katho­li­scher Sozi­al­leh­re ein Hand­lungs­maß­stab zu formulieren?

• Was folgt dar­aus für exem­pla­ri­sche Hand­lungs­fel­der / Pro­jek­te / Mis­sio­nen: Wie ist Ver­gan­ge­nes zu bewer­ten; wie soll­te Zukünf­ti­ges gestal­tet werden?

Ende 2020 konn­te nach schritt­wei­ser Vor­be­rei­tung und Koor­di­na­ti­on ein „euro­päi­sches Dok­to­ran­den­kol­lo­qui­um“ zur Gemein­sa­men Außen- und Sicher­heits­po­li­tik (GASP) auf den Weg gebracht wer­den: Die betei­lig­ten Part­ner sind – neben dem Insti­tut für Theo­lo­gie und Frie­den (ithf) in Hamburg –

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• die Acca­de­mia Alfon­sia­na (AA) in Rom,
• die Kato­lie­ke Uni­ver­sit­eit Leu­ven (KUL), Facul­teit Theo­lo­gie en Reli­gie­we­ten­sch­ap­pen in Löwen sowie
• die Ukrai­ni­an Catho­lic Uni­ver­si­ty (UCU), Facul­ty of Theo­lo­gy and Phi­lo­so­phy in Lemberg

Die­se vier Ein­rich­tun­gen ver­bin­den inner­halb Euro­pas in sehr geeig­ne­ter Wei­se sowohl Nord und Süd, Ost und West als auch die drei gro­ßen Sprachräume.

An den genann­ten Insti­tu­tio­nen sind je ein Betreu­er und ein/e Doktorand/in ein­ge­bun­den mit einer theologisch-ethischen Arbeit im The­men­feld der GASP. Die der­zei­ti­gen Arbeits­ti­tel der ein­zel­nen Dis­ser­ta­tio­nen lau­ten:

Cui­us rex veri­tas, cui­us lex cari­tas, cui­us modus aeter­ni­tas: The Ethics of Citi­zenship in Post-Secular Euro­pean Socie­ty – an Augus­ti­ni­an Pro­spect (AA)
Healing a woun­ded ima­gi­na­ti­on: Fear, iden­ti­ty and reli­gi­on in Cen­tral Euro­pe (KUL)
[…] (UCU)
A Femi­nist For­eign Poli­cy for the EU-Iran rela­ti­ons? Asses­sing the EU’s opti­ons for a stra­te­gy chan­ge (IThF)

Das „euro­päi­sche Dok­to­ran­den­kol­lo­qui­um“ besteht ins­be­son­de­re dar­in, reih­um an den betei­lig­ten Stand­or­ten halb­jähr­lich zusam­men­zu­kom­men, sich aus­zu­tau­schen und zugleich Prak­ti­ker und Wis­sen­schaft­ler für Impul­se ein­zu­la­den sowie Stu­den­ten der betei­lig­ten Ein­rich­tun­gen an Erkennt­nis­sen und Ergeb­nis­sen teil­ha­ben zu las­sen: Auf die­se Wei­se zielt es dar­auf, in dem extrem spe­zi­fi­schen und wenig bear­bei­te­ten Bereich theologisch-ethischer Aus­ein­an­der­set­zung mit der GASP

• von­ein­an­der zu profitieren,
• Kom­pe­ten­zen zu bün­deln und so auch
• eine stär­ke­re Außen­wir­kung zu erreichen.

Der EU fehlt seit Mai 2018 eine außen­po­li­ti­sche Stra­te­gie für Iran. Zwar setzt sich die EU für einen neu­en Ver­trag zur Ein­däm­mung des ira­ni­schen Nukle­ar­pro­gramms ein und hält gleich­zei­tig wei­ter­hin an inter­na­tio­na­len Sank­tio­nen gegen Iran fest. Aber: Ein mög­li­cher neu­er „Atom­ver­trag“ löst noch nicht die gro­ßen diplo­ma­ti­schen Her­aus­for­de­run­gen und Sank­tio­nen sind kei­ne Stra­te­gie, sie sind ein Mit­tel, allen­falls eine Tak­tik. Dies wird beson­ders deut­lich, wenn man die EU-Iran Bezie­hun­gen aus Per­spek­ti­ve der femi­nis­ti­schen Außen­po­li­tik ana­ly­siert. Genau hier setzt das For­schungs­pro­jekt an. Wel­che Optio­nen erge­ben sich für die aus­wär­ti­ge euro­päi­sche Sicher­heits­po­li­tik, den Ansatz der femi­nis­ti­schen Außen­po­li­tik in Bezug auf Iran zu verfolgen?

Um die­se und dar­an anschlie­ßen­de Fra­gen zu beant­wor­ten, wird zunächst Klar­heit in die aktu­ell vie­ler­orts auf­ge­grif­fe­nen Kon­zep­te der femi­nis­ti­schen Außen­po­li­tik gebracht. Es folgt eine Ana­ly­se von Sank­tio­nen als außen­po­li­ti­sches Mit­tel aus Per­spek­ti­ve femi­nis­ti­scher Außen­po­li­tik. Die­se Ergeb­nis­se wer­den mit Ansät­zen aus dem Bereich des Rea­lis­mus dis­ku­tiert, aus des­sen Kri­tik die femi­nis­ti­sche Per­spek­ti­ve auf Außen­po­li­tik mit­ent­wi­ckelt wor­den ist.

Das zen­tra­le Inter­es­se des For­schungs­pro­jekts ist es, für einen Para­dig­men­wech­sel in der EU-Iran Bezie­hung plä­die­ren. Um die­ses Anlie­gen zu stär­ken, rich­tet sich das empi­ri­sche Inter­es­se auf die nicht­in­ten­dier­ten Fol­gen von Sank­tio­nen für mar­gi­na­li­sier­te Grup­pen in Iran. Ein Ziel von femi­nis­ti­scher Außen­po­li­tik ist es, die Per­spek­ti­ve der von den poli­ti­schen Maß­nah­men betrof­fe­nen Per­so­nen stär­ker zu berück­sich­ti­gen. Hier soll die Arbeit ihren wis­sen­schaft­li­chen Bei­trag leis­ten und zudem die Trag­fä­hig­keit des Kon­zepts femi­nis­ti­scher Außen­po­li­tik sys­te­ma­tisch prü­fen. Ziel der Arbeit ist es, den Mehr­wert einer femi­nis­ti­schen Außen­po­li­tik der EU in Bezug auf Iran zu konturieren.

 

Projektbearbeiterin

Lisa Neal, M. A.


Projektleiter

N.N.